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Leseprobe aus «Ein Teppich fürs leben»

Sie leben täglich

Am Rand des Marktes lagern ein paar Frauen. Sie tragen auffallend bunt gemusterte Röcke und weite Hosen. Manche von ihnen, vor allem die älteren, hocken auf leeren Obstkisten. Breitbeinig und selbstsicher bieten sie ihre Ware feil, die sie säuberlich vor sich auf ein Stück altes Zeitungspapier gestapelt haben. Sie verkaufen Zitronen, diese Frauen. Nichts anderes.
Die jüngeren unter ihnen trifft man oft in kleinen Gruppen zu zweien und dreien an. Wie sie über den Markt wandern, ihre Zitronen geschickt zwischen die gespreizten Finger geklemmt. Zitronen kauft man portionenweise, immer gleich sechs oder acht Stück auf einmal. Und gerade so viele halten die jungen Frauen in jeder Hand. Manche schaffen sogar zehn. Lachend wirbeln die Verkäuferinnen ihre vollen Hände durch die Luft, halten die gelb leuchtenden Früchte jedem Passanten kurz unter die Nase, eine erstaunliche Kunst, eine langgeübte Technik. Keine einzige Zitrone fällt je in den Staub, und wer staunend hinschaut, hat so gut wie gekauft.
«Ach, diese Cingene!», sagt Osman und lächelt. Die Romafrauen. «Ich mag sie gern. Ihre Art, einfach wie sie leben. Weisst Du, sie stehen morgens immer in aller Frühe auf. Dann gehen sie vor die Stadt, dahin, wo die Lastwagen aus dem Süden ankommen, wo all die Waren umgeschlagen werden. Dort kaufen sie ihre Zitronen ein. Sie kaufen immer eine ganz bestimmte Menge: So viel, wie sie verkaufen müssen, um das Geld für den Tag zu verdienen. Niemals mehr. Wenn sie an einem Tag ihre Ware rasch verkaufen können, holen sie sich keinen Nachschub, sondern gehen nach Hause. Und wenn es lange dauert, bleiben sie eben bis abends spät. Bis die letzte Frucht verkauft ist. Sie verschieben nie etwas auf den nächsten Tag und arbeiten niemals auf Vorrat. Sie leben täglich, als wäre jeder Tag für sich – ein ganzes Leben.»



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LeserInnenstimmen/Presse