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Die richtigen Worte

(24.01.2011) Vor Jahren fuhr ich einmal mit dem Bus von der Stadt in mein Dorf. Da sassen vorne, gleich hinter dem Chauffeur zwei Menschen, denen man ansah, dass sie aus einem fernen Land zu uns gekommen sind. Der Bus war voll, es war Feierabend, und als unterwegs noch Leute zustiegen, gab es bald keine Sitzplätze mehr. Da sagte einer der neu Eingestiegenen, ziemlich laut und gehässig, soweit sei das jetzt gekommen, das unsereinen nach der Arbeit stehen müsse, weil der Bus mit Ausländern verstopft sei.

Ich weiss noch, wie ich sagen wollte, zwei von sechzig, lächerlich! Und überhaupt. Tausend Dinge wollte ich sagen, von gleichen Rechten für alle, von Werten wie Höflichkeit und respektvollen Umgangsformen, und nicht zuletzt vom Wohlstand dieses Landes und dem Anteil, den gerade die Fremden daran haben. Dann aber schwieg ich, ich hatte zu lange gedacht statt gehandelt, den Moment verpasst, die richtigen Worte nicht gefunden. Auch sonst hatte niemand etwas gesagt. Und der Bus trug das Gefühl von Feindseligkeit bis in mein Dorf.

Viel später hielten mein Mann und ich uns eine Zeit lang in der Türkei auf. Hier waren wir die Ausländer. Wir besuchten das Heimatdorf und die Eltern eines Freundes. Eines Tages zeigte uns Mustafas alte Mutter, wie man den öffentlichen Verkehr benutzt: ein Vehikel namens Dolmusch, was übersetzt ohnehin schon ‚vollgestopft’ heisst. Auf dem Weg vom Dorf in die Stadt machte der Minibus seinem Namen bald alle Ehre. Nach wenigen Stopps fanden die Einsteigenden keinen Sitzplatz mehr. Da meinte einer mit einem Seitenblick auf uns, ziemlich gehässig, kein Wunder, dass man nicht sitzen kann, da hat es zu viele ‚yabanci’ – Fremde. Vielleicht sagte er auch etwas anderes, wir verstanden nur eben das Schlüsselwort. Doch wie es fiel, sprang unsere Begleiterin schon auf und ging regelrecht auf den Redenden los. „Das sind keine yabanci“, fuhr sie ihm über den Mund, „das sind meine Gäste!“ Misafir. Ah! Die Gesichter der Mitreisenden, die alle schon so geschaut hatten, hellten sich auf. Der Chauffeur drehte seinen Kopf und nickte, die Stimmung im Wagen wechselte binnen Sekunden von feindlich-ablehnend zu wohlwollend-freundlich. Und beim Aussteigen verabschiedete man uns mit einem Lächeln.

So habe ich nach Jahren, die richtigen Worte doch noch gefunden – Mustafas Mutter hat sie mir gezeigt.


Berge, TĂĽrme, Minarette

(29.11.2009) Schweizer mögen Türme. Wie sie auch ihre Berge lieben. Man schaut bei uns traditionell gern aus weiter Höhe in die Welt hinaus. Türme und Berge stehen darum seit je für Wunsch und Wille, den eigenen Horizont zu erweitern. Wenn Menschen in diesem Land nun gern das eine oder andere Türmchen auf ihr Versammlungszentrum bauen wollen, so müsste dies rein theoretisch auf nichts als wohlwollendes Verständnis stossen: Da fühlen andere ebenso wie wir!
Doch der fremde Turm, das Minarett, wird offensichtlich anders verstanden: Als Zeichen der Abgrenzung, gar der Bedrohung und Feindseligkeit. Das ist schade. Besonders, weil diese ablehnende Haltung vor allem vom Verlust eigener Werte und Traditionen zeugt: Lieber gräbt man sich hier und heute ein, als sich auf einem Turm, einem Gipfel, um grösseren Weitblick zu bemühen.
Künftig soll es nun also verboten sein, in der Schweiz Minarette zu bauen. Eine Mehrheit der Stimmbürger will es so. - Das Resultat dieser Volksabstimmung gibt mir zu denken: Angst ist eine schlechte Beraterin! Besser wäre, unseren neuen Nachbarn und ihren Anliegen mit Offenheit zu begegnen. Die Fremden, die in die Schweiz gekommen und da geblieben sind, suchen und finden Wege um den Ort, wo sie nun leben und arbeiten, ihre neue Heimat zu nennen. Ihre Türme könnten deshalb auch als Zeichen der Freundschaft erkannt werden: Horizonterweiterung für alle!

Doch die Aussicht von Turm oder Berg geniessen kann nur, wer ihn ersteigt. Und Fremde werden nur zu Freunden, wenn sich Türen öffnen - anstatt dass sie zugeschlagen werden.


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