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Integration

(18.05.2008) Die Sechstklässlerin kommt von der Schule nach Hause. Sie rennt in ihr Zimmer und wirft sich schluchzend aufs Bett. So hat sie noch nie geweint. Die Mutter versucht zu trösten. Zwischen Schlucken und Tränen erfährt sie nach und nach, was geschehen ist: Eine Schulfreundin hat die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bestanden. Deshalb wird am Nachmittag nach der Schule gefeiert. Fast alle Mädchen aus der Klasse sind eingeladen, aber die Tochter nicht. Sie hat vom Fest nur durch Zufall erfahren. Und dann kommt es: „Mama, ist es, weil wir Albaner sind?“

Die Mutter ist schockiert. Die Familie lebt seit Jahren in der Schweiz. In geregelten Verhältnissen und „so integriert, wie man nur sein kann“. Man pflegt viele Kontakte zu Schweizer Familien, besucht Elternabende der Schule und engagiert sich bei Festen in der Gemeinde – die Mutter will beschwichtigen. Das müssen andere Gründe sein. Doch die Tochter ist sich sicher. Sie habe nachgefragt. Nur Schweizer Mädchen sind eingeladen. Alle Ausländerinnen nicht.

Von Integration reden alle. Und es gibt auch viele Konzepte dafür. Aber Integration gelingt oder misslingt im Alltag. Und sie muss von beiden Seiten immer wieder neu geleistet werden. Brücken zwischen Kulturen bauen ist keine leichte Aufgabe. Bisweilen ist sie ganz schön anstrengend und natürlich möchte man dann auch wieder einmal ganz unter sich sein.

Doch wie erklären Sie das einem todunglücklichen Sechstklassmädchen?


Die Kunst des Delegierens

(28.01.2008) Der Schnee der letzten Tage gab der Polizei viel zu tun, sagten sie in den Nachrichten. Neben Unfällen war häufig Streit unter Nachbarn die Ursache fĂĽr einen Einsatz. Wenn einer dem andern seinen Schnee vor die TĂĽre schob. Da flogen offenbar öfters die Fetzen. Doch wo wollte man auch hin mit diesen unsäglichen Mengen von oben? Auch der öffentliche Grund hat seine Grenzen, und wenn sich da nebenan so eine nette, frischgekehrte LĂĽcke auftut – wieso das Problem nicht einfach delegieren? Es muss nicht aus Boswilligkeit geschehen, vielmehr ist es doch genau das, was uns täglich von Wirtschaft, Politik und ĂĽberall her vorgelebt wird: Delegieren muss man können! Nur wer eine Aufgabe vertrauensvoll loslassen und weitergeben kann, kommt weiter. Mit dem Schnee können wir ĂĽben. Und weiterdenken: Wie gäbig wär das doch, auch mit anderen Dingen so zu verfahren – mit der Steuererklärung etwa, dem chaotischen Kinderzimmer oder einem mĂĽhsamen Telefongespräch. Reich mir die grosse Schaufel her und – schwupp – ĂĽber den Zaun. Lieber Nachbar, liebe Nachbarin, ich meins doch nicht böse, ich traue es dir zu!


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