Ein Teppich fürs Leben

Auch auf den Nebenschauplätzen und in den Hinterhöfen der Welt handeln und feilschen Menschen jeden Tag. Sie schliessen Verträge ab, ziehen sich über den Tisch, bekämpfen und versöhnen sich. So entwickelt einer in Chile eine Geschäftsidee auf der Basis eines alten Fussballs, fährt Vetter Igor seine Torten im Nachtzug nach Moskau, träumen Frauen in Südafrika davon, mit Sonnenblumen eine Marktnische und damit ihren Platz in der Welt zu finden.
Die Geschichten in diesem Buch erzählen von guten Geschäften und öffnen Türen zu Welten und Kulturen. Sie sind eine Hommage an Menschen, die mit Witz und Ausdauer ihr Leben in die eigenen Hände nehmen.

Das Buch ist im Peter Hammer Verlag erschienen. Es umfasst 170 Seiten, ist gebunden, kostet Fr. 29.50 und ist im Buchhandel erhältlich.
ISBN 978-3-7795-0284-5

Sie können das Buch online bestellen.

Leseprobe

Sie leben täglich

Am Rand des Marktes lagern ein paar Frauen. Sie tragen auffallend bunt gemusterte Röcke und weite Hosen. Manche von ihnen, vor allem die älteren, hocken auf leeren Obstkisten. Breitbeinig und selbstsicher bieten sie ihre Ware feil, die sie säuberlich vor sich auf ein Stück altes Zeitungspapier gestapelt haben. Sie verkaufen Zitronen, diese Frauen. Nichts anderes.
Die jüngeren unter ihnen trifft man oft in kleinen Gruppen zu zweien und dreien an. Wie sie über den Markt wandern, ihre Zitronen geschickt zwischen die gespreizten Finger geklemmt. Zitronen kauft man portionenweise, immer gleich sechs oder acht Stück auf einmal. Und gerade so viele halten die jungen Frauen in jeder Hand. Manche schaffen sogar zehn. Lachend wirbeln die Verkäuferinnen ihre vollen Hände durch die Luft, halten die gelb leuchtenden Früchte jedem Passanten kurz unter die Nase, eine erstaunliche Kunst, eine langgeübte Technik. Keine einzige Zitrone fällt je in den Staub, und wer staunend hinschaut, hat so gut wie gekauft.
«Ach, diese Cingene!», sagt Osman und lächelt. Die Romafrauen. «Ich mag sie gern. Ihre Art, einfach wie sie leben. Weisst Du, sie stehen morgens immer in aller Frühe auf. Dann gehen sie vor die Stadt, dahin, wo die Lastwagen aus dem Süden ankommen, wo all die Waren umgeschlagen werden. Dort kaufen sie ihre Zitronen ein. Sie kaufen immer eine ganz bestimmte Menge: So viel, wie sie verkaufen müssen, um das Geld für den Tag zu verdienen. Niemals mehr. Wenn sie an einem Tag ihre Ware rasch verkaufen können, holen sie sich keinen Nachschub, sondern gehen nach Hause. Und wenn es lange dauert, bleiben sie eben bis abends spät. Bis die letzte Frucht verkauft ist. Sie verschieben nie etwas auf den nächsten Tag und arbeiten niemals auf Vorrat. Sie leben täglich, als wäre jeder Tag für sich – ein ganzes Leben.»

 

LeserInnenstimmen/Presse

«Mit ihrer Präsenz und ihrem feinem Gespür erkennt Katharina Morello im Alltäglichen, scheinbar Banalen das literarische Potential. Dann fragt sie freundlich, aber beharrlich nach, lässt sich Details schildern, recherchiert akribisch, stellt sich vor, was etwa eine Marokkanerin in dieser Situation genau gesagt hätte… – bis sie das Rohmaterial einer Geschichte beisammen hat.»
Laura Butto
Ansprache Laura Butto (PDF-Datei)

«Im Herbst 2008, als die Wirtschaft weltweit ein beunruhigendes Thema geworden war, kam Katharina Morello auf die Idee, Geschichten zu suchen, die beispielhaft das wirtschaftliche Grundprinzip darstellen: Ich biete etwas an und erhalte dafür etwas anderes. Und wenn das Geschäft gut gelaufen ist, freuen sich beide Seiten. Kaufen und verkaufen, so wahrgenommen, ist eine Möglichkeit der Begegnung, ein positives Kulturgut.»
Käthi Koenig, reformiert. Nr. 2.2/12. Februar 2010
Die Lust am Feilschen und Palavern (PDF-Datei)

Sie liebt Geschichten. Von jeher. Mit drei Brüdern ist Katharina Morello in einem Zürcher Pfarrhaus aufgewachsen. «Meistens haben alle gleichzeitig gesprochen.» Durchgesetzt hat sich, wer gut dramatisieren und Pointen setzen konnte. Am Familientisch war die Mutter die Einzige, die immer zugehört hat. «Von ihr habe ich gelernt, dass Zuhören gleich wichtig ist wie Erzählen.»
Corina Fistarol, Reformierte Presse 7/10
Vom Geschichten-Sammeln und -Erzählen (PDF-Datei)

Morellos Buch enthält dreissig Kurzgeschichten, bei denen Menschen um Waren feilschen, neue Geschäfte entdecken oder den Wert ihrer Waren neu einordnen. So etwa der Konditor aus Kiew, der vom Schokoladenriegel «Snickers» aus dem Westen träumt und für diesen nach Moskau reist. Vom Geschmack der Industrieschokolade ist er zwar enttäuscht, dafür er entdeckt einen interessanten Handelszweig: Er verkauft seine köstlichen, selbstgebackenen Torten aus Kiew nun regelmässig auf dem Moskauer Markt und bringt eine Reisetasche voller «Snickers» zurück nach Kiew, wo diese wiederum reissenden Absatz finden.
Cornelia Thürlemann, Kirche heute
Bei guten Geschäften zählt der Mensch (PDF-Datei)

«Katharina Morello stellt mit ihrem zweiten Buch mit Geschichten ihr humorvolles Erzähltalent, das gleichzeitig zum Nachdenken anregt, erneut unter Beweis. Diesmal mit Geschichten aus aller Welt, die sich um Handel im kleinen Stil drehen, sozusagen im Hinterhof des Gross-
handels. Menschen stehen im Mittelpunkt und nicht Mechanismen, die niemand mehr nachvollziehen kann. Sie zeigen klar auf: Ohne Vertrauen geht gar nichts.»
Annemarie Friedli
Buchtipp in: Informell 1/10 (PDF-Datei)

Zurück